Otto Elias und sein Exlibris

von Anneke de Rudder

Alles fing an mit der ÜberprĂŒfung eines Ankaufs unserer Bibliothek beim Auktionshaus Hauswedell Ende 1938. In einem der wenigen noch erhaltenen BĂŒcher, „Altfranzösische Novellen“ von 1909, fand sich ein schönes, ungewöhnliches Exlibris mit dem Namen Otto Elias. Wer war das? Und was hatte es mit dem Exlibris auf sich?

Mehrere Personen mit dem Namen Otto Elias kamen in Frage, allen voran ein Rechtsanwalt aus Dortmund. Das bestĂ€tigte sich beim Blick in den Auktionskatalog: Einlieferer des genannten Buches war „R. in M.“, und ein anderes Buch in unserem Bestand aus derselben Quelle trug den Schriftzug KĂ€the Elias-Richter. Seine Tochter, wie Veröffentlichungen zur Familie zeigten.

Plötzlich tat sich hinter diesen BĂŒchern der Abgrund eines Verfolgungsschicksals auf, voll mörderischer Wucht: Der Jurist Otto Salomon Elias aus Dortmund, geboren 1876, fĂŒhrte seit 1906 zusammen mit seinem Schwager Max Frank eine Rechtsanwaltskanzlei in Dortmund –  zwei erfolgreiche, kĂ€mpferische AnwĂ€lte jĂŒdischer Abstammung, die der NS-Terror von Anfang an brutal erfasste. Max Frank wurde im MĂ€rz 1933 verhaftet, misshandelt und starb im Mai. Sein Partner Otto Elias, Anfang April verhaftet, nahm sich kurz darauf im GefĂ€ngnis das Leben. Ein Jahr spĂ€ter folgte der Suizid seiner Frau. Tochter KĂ€the Richter zog mit ihrem nicht-jĂŒdischen Mann nach MĂŒnster, um der Verfolgung zu entgehen. Entrechtung und Beraubung gingen jedoch weiter: Berufsverbot, Beschlagnahmungen, Zwangsverkauf des Hauses, erneuter Umzug, kurz vor Kriegsende noch Verschleppung in ein Lager. Ein Verfolgungszusammenhang war also definitiv gegeben. Aber wie kamen die BĂŒcher in die Auktion? „R. in M.“ stand vermutlich fĂŒr Richter in MĂŒnster. Was war mit Otto Elias‘ Bibliothek geschehen? Konnte seine Tochter einen Teil davon ĂŒbernehmen? Vieles war noch offen.

Parallel dazu förderte die Suche nach „Exlibris Otto Elias“ Neues zutage: Zwei Antiquariate boten im ZVAB wertvolle Werke mit diesem Exlibris an. Auf Anfrage erwies es sich als identisch mit unserem. Und nicht nur das: beide Werke waren auch auf derselben Auktion 1938 angeboten worden und kamen von „R. in M.“! Hingewiesen auf den Raubgutverdacht, reagierten die Antiquare sehr unterschiedlich: Zeigte der eine Interesse an weiteren Informationen, so schrieb der andere nur kurz: „[
] es ist ja schön mit was Sie sich beschĂ€ftigen. Wer zahlt denn die GĂŒter die meine Großeltern in Schlesien lassen mussten? Die waren auch keine NS-AnhĂ€nger. Ich möchte auch keine Antwort von Ihnen. Die wird auch nicht gelesen.“ Eine Sackgasse. Zum Exlibris-KĂŒnstler fehlte weiterhin jede Spur. Auch Anfragen bei der Gesellschaft fĂŒr Exlibriskunde und anderen Experten blieben erfolglos. Das Signet oben rechts, das Buchstaben wie W, L oder B andeutete, sagte niemandem etwas.

Die Biografierecherche ging hingegen voran: Lokalhistorikerin Gisela Möllenhoff aus MĂŒnster hatte KĂ€the Richters Kinder kontaktiert. Sie erinnerten sich, dass ihre Mutter oft von Otto Elias‘ wertvoller Bibliothek mit vielen Erstausgaben gesprochen habe. Von seinem Eigentum sei jedoch kaum etwas ĂŒbriggeblieben: „Da haben sich viele Leute was unter den Nagel gerissen“. Ansonsten habe sie nie ĂŒber die NS-Zeit sprechen wollen, bis zu ihrem Lebensende sei das fĂŒr sie viel zu schmerzhaft gewesen.

Die folgende Akteneinsicht im Staatsarchiv NRW war zunĂ€chst zĂ€h und deprimierend. Wie so oft dokumentierten die Akten vor allem die erfolglosen Versuche, nach 1945 angemessen fĂŒr das erlittene NS-Unrecht entschĂ€digt zu werden. Erst ganz am Ende fand sich ein Hinweis auf Otto Elias‘ BĂŒcher. An Eides statt erklĂ€rte seine Tochter 1955: „Die Bibliothek meines Vaters und seine Markensammlung stellten ein kleines Vermögen dar. [
] Die Firma Vedell in Hamburg hat kurz vor der Beschlagnahme jĂŒdischer Bibliotheken – bei uns stand mehr als Ÿ auf dem Index – die BĂŒcher verpackt und verauktioniert. Die JudenbĂŒcher sind mitgenommen worden. Ein paar lumpige Tausender, so schien es mir im Vergleich zu dem Wert, bekamen wir ausbezahlt“. Die Firma Vedell in Hamburg! Der Schritt zum Hamburger Auktionshaus Hauswedell war da nicht weit. NatĂŒrlich blieben noch Fragen offen, vielleicht waren rĂŒckblickend ein paar Zahlen verrutscht, aber eine große LĂŒcke war nun geschlossen.

Und das Exlibris? Auch dieses RĂ€tsel löste sich schließlich – durch einen Hinweis im Portal Provenienzforschung. Justus DĂŒren hatte dort Dr. Claudia Karolyi von der Österreichischen Nationalbibliothek als Exlibris-Spezialistin empfohlen. Das Unglaubliche geschah. Frau Karolyi beantwortete meine Mail nach dreißig Minuten (!): „Das ausgesprochen schöne Exlibris stammt vom Maler und Grafiker Walter Buhe.“ Buhe, ein SchĂŒler von Emil Orlik, war 1920-1947 Professor fĂŒr angewandte Grafik in Leipzig.

Wie er und Otto Elias wohl zusammengekommen waren? Und wo dieses schöne Exlibris wohl noch ĂŒberall auftaucht? Das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzĂ€hlt werden soll. Vielleicht ja zum Tag der Provenienzforschung 2021



Update, 22.07.2022: Die Geschichte von Otto Elias und seinem Exlibris ist auch Thema in der Ausstellung „Sehr erfreuliche Vermehrungen“. Zur Suche nach NS-Raubgut in den Sondersammlungen der SUB (20.7.-22.9.2022).


Anneke de Rudder ist Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Provenienzforschung – NS-Raubgut an der Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky.


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Anneke de Rudder (8. April 2020). Otto Elias und sein Exlibris. RETOUR 🠔. Abgerufen am 11. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/toe1


4 Gedanken zu „Otto Elias und sein Exlibris“

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